Systemische Fragen
Die Finanz- und Wirtschaftssysteme sind global eng miteinander verwoben. Wenn die Europäische Zentralbank ihre Zinspolitik ändert, hat das direkte Auswirkungen auf Investitionsflüsse weltweit und auf die Fähigkeit von Ländern im Globalen Süden, sich zu finanzieren. Zugleich gibt es seit Jahrzehnten Diskussionen darum, ob bzw. wie die institutionelle Architektur der regionalen und globalen Organisationen in diesem Bereich – allen voran der Internationale Währungsfonds und die Weltbank – reformiert werden kann.
Weiterhin geht es um die Frage, wie globale Mono- bzw. Oligopole verhindert oder aufgebrochen werden können, wie man Rohstoffmärkte so ausgestaltet, dass sie Krisen nicht befeuern, welche Rolle Kreditratingagenturen spielen oder welche Rolle Migration im internationalen Wirtschaftsgeschehen hat.
Mauritius: Unruhen im Urlaubsparadies
Weiße Strände, Luxusresorts und jetzt die schwersten Unruhen seit 1999. Auslöser waren eine heftige Dürre mit wochenlangen Wasserrationierungen und steigende Lebenshaltungskosten. Eskaliert ist die Lage, nachdem die Polizei eine junge Frau angeschossen hatte. Brisant auch der Hintergrund: Rund 60 % des Leitungswassers versickern in einem maroden Netz, und für dessen Sanierung fehlt das Geld. Gleichzeitig fährt die Regierung einen vom IWF gelobten Sparkurs. Beim Auslandsschuldendienst sieht der Schuldenreport von erlassjahr.de und Misereor Mauritius derzeit „nur“ mit Belastungsrisiko (via erlassjahr.de).
Geldpolitik in einer KI-Wirtschaft
Verändert künstliche Intelligenz (KI) die Transmission der Geldpolitik? Die Autorinnen eines neuen DIW-Papiers entwickeln ein neukeynesianisches Zwei-Sektoren-Modell mit heterogenen Akteuren und aufgabenbasierter Produktion. In diesem Modell automatisiert KI einen Teil der Arbeit in einem exponierten Sektor, während der andere Sektor davon unberührt bleibt. Im KI-Gleichgewicht verfügt die Wirtschaft über mehr Kapital und das Arbeitseinkommen verlagert sich von den exponierten Arbeitnehmern, die durch Arbeitszeitverluste Einbußen erleiden, hin zu den geschützten Arbeitnehmern, die durch höhere Löhne profitieren. Anschließend vergleichen die Autorinnen dieselbe Zinssenkung in beiden Volkswirtschaften.
Rückblick auf die Jahrestagungen 2026: Die Kluft zwischen Maßnahmen der BWIs und Bedürfnissen wird immer größer
Während Weltbank und IWF sich unbeeindruckt zeigten von den sich verschärfenden globalen Krisen in den Bereichen Verschuldung, Klima und Ungleichheit, bedrohten beispiellose Überschwemmungen in Bangkok die Tagungen nur wenige Tage vor ihrem Beginn. Als Reaktion auf Schocks greift der IWF erneut auf Strukturanpassungsmaßnahmen zurück und setzt gleichzeitig auf einen volatilen und ungewissen KI-Boom. Dadurch wird die Reaktionsfähigkeit der Staaten eingeschränkt. Die Weltbank verstärkt ihren Fokus auf die Mobilisierung von Privatkapital (PCM) und die Beschäftigungsagenda, zeigt dabei jedoch wenig Bereitschaft, die Diskussion von der Quantität hin zu evidenzbasierter Qualität und Entwicklungswirkung zu verlagern.
Jenseits von Bangkok stellt sich die Frage: Wer kontrolliert die Finanzen, die Ressourcen und unsere Zukunft?
Die Jahrestagungen des IWF und der Weltbank in Bangkok haben die Legitimitätskrise der internationalen Finanzarchitektur offengelegt. In einer Zeit, die von Krieg, ökologischer Zerstörung, Schuldenkrise und zunehmender Ungleichheit geprägt ist, bieten die Institutionen weiterhin die altbekannten Lösungen an: Haushaltskonsolidierung, Risikomanagement und die Mobilisierung von Privatkapital. Ihre Sprache hat sich angepasst. Die Verteilung der wirtschaftlichen Macht jedoch nicht.
Zwei Gipfeltreffen in Bangkok: IWF/Weltbank und Finanzminister drinnen, die Peoples‘ Assembly draußen
In Bangkok fanden zwei Gipfeltreffen statt. Im Queen-Sirikit-Kongresszentrum nahmen mehr als 15.000 Finanzminister, Zentralbankpräsidenten und Vorstandsvorsitzende der weltweit größten Banken und Konzerne an den Jahrestagungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank teil. Sie flogen in der Business Class und übernachteten in Fünf-Sterne-Hotels, um über Wachstum, Inflation und öffentliche Ausgaben zu sprechen – und damit über das Schicksal von Milliarden Menschen, denen sie niemals begegnen werden. Draußen veranstalteten Hunderte soziale Bewegungen und zivilgesellschaftliche Organisationen die Peoples‘ Assembly – für die 99 %, deren Stimme nicht gehört werden würde. Sie flogen in der Economy Class und teilten sich oft bescheidene Zimmer. Der erste Gipfel war der Gipfel des Geldes und der Macht. Der zweite war der Gipfel von uns allen.
Was geschah bei dem wichtigsten Treffen der Finanzchefs aus aller Welt?
Jedes Jahr im Oktober und April veranstalten der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank ein großes Treffen von Finanzministern, Beamten, Analysten und Thinktanks. Bei der Veranstaltung im Oktober 2026 strömten schätzungsweise mehr als 15.000 Menschen nach Bangkok. Es handelt sich wohl um die wichtigste Konferenz für die Weltwirtschaft, doch nur wenige verstehen, was dort tatsächlich vor sich geht, da es sehr schwer ist, den Überblick zu behalten.
KI, Sparpolitik und private Gewinne
Nachhaltige Entwicklung rückt bei den Jahrestagungen des IWF und der Weltbank in den Hintergrund
Trotz der Warnung, dass eine steigende Verschuldung in den Industrieländern, höhere Zinssätze und ein Investitionsboom im Bereich der KI Kapital aus dem Globalen Süden abziehen könnten, setzten der IWF und die Weltbank bei ihrer Jahrestagung in Bangkok weiterhin auf dieselben gescheiterten Lösungen. Während Verschuldung, Ungleichheiten und Klimaschocks die wirtschaftliche Stabilität bedrohen, setzen beide Institutionen zudem verstärkt auf KI-Investitionen als Weg zu globalem Wachstum, obwohl sie die damit verbundenen Risiken ebenfalls anerkennen.
„Diese Welt gehört uns allen“
Kundgebung am Brandenburger Tor zur Jahrestagung von IWF und Weltbank
Ein schimmernd goldenes Dollar-Zeichen aus Pappe liegt zertreten auf dem Boden. Menschen halten Banner mit den Aufschriften „From Berlin to Bangkok: Rise Up For Debt Justice! Climate Justice! Reparations!“ und „Resist, Reclaim, Rise Up – For System Change!“ nach oben. Rufe nach internationaler Solidarität schallen über den Platz des 18. März. Ein Banner mit der Aufschrift „Diese Welt gehört uns allen – brecht die Macht von IWF und Weltbank!“ ragt über die Köpfe der Menschen hinweg. Die Kundgebung, die erlassjahr.de in einem Aktionsbündnis gemeinsam mit WEED, ASW, Debt for Climate, Konzeptwerk Neue Ökonomie und 23 weiteren Organisationen und Gruppen organisiert hatte, war ein voller Erfolg und zeigt: Vernetzung schafft Bewegung.
Wie die Gebühren des IWF Verschuldung verschärfen und Autoritarismus schüren
Anhand von Beispielen aus Argentinien, Ecuador, Ägypten, Jordanien und Pakistan zeigt dieses Briefing, dass die umstrittene Gebührenpolitik des IWF nicht nur öffentliche Mittel erschöpft, sondern auch Verschuldung verschärft und Autoritarismus schürt. Sie verstärkt die Sparpolitik, untergräbt die Menschenrechte und trägt zur Aushöhlung der Demokratie bei.
Die Bretton-Woods-Institutionen sind nicht zweckmäßig
Die Erwartung, dass sie sich reformieren oder reformiert werden, um den Menschenrechten sowie der ökologischen und wirtschaftlichen Gerechtigkeit Rechnung zu tragen, ist ebenso unrealistisch wie die Erwartung, dass eine Reform des UN-Sicherheitsrats den Weltfrieden fördern könnte, indem weitere ständige Mitglieder mit Vetorecht hinzugefügt werden.